Die Geschichte vom Hydro-Briefkasten

 

In den letzten Wochen haben sich mehrfach - in Benninghofen neu zugezogene Bürger - gewundert, bzw. auf den Arm genommen gefühlt. Wollten sie ihre Post in den vor der Gaststätte "Steffenhof" befindlichen Briefkasten werfen, wurden sie von meist älteren Bewohnern darauf hingewiesen, besser den gegenüberliegenden Einwurfschacht zu benutzen, da der andere möglicher Weise unter Wasser stehe.

Dieses seltene - zu bestimmten Zeiten immer wieder zu beobachtende Phänomen - ist alteingesessenen und an der Benninghofener Historie interessierten Bewohnern bekannt und wird längst als natürlich hingenommen. Die plausible Erklärung ist tief in der Dorfgeschichte verwurzelt.

Etwa im Jahre 1650 befand sich auf und hinter dem Gelände, auf dem heute die Gaststätte "Steffenhof" steht, ein bäuerliches Gehöft. Dieses Anwesen wurde von dem aus dem Sauerländischen zugezogenen Raubbauern Ottfried Knödler bewirtschaftet. Obwohl es sich um ein ziemlich verwahrlostes Gut handelte, hatte es dennoch eine Besonderheit zu bieten. Unmittelbar unter dem heutigen Standplatz des Briefkastens befand sich der alte Hofbrunnen.
Dieser alte Brunnen führte stets ausreichend Wasser und diente nicht nur den Hofbewohnern, sondern auch der umliegenden Bevölkerung als willkommene Erfrischungsquelle. Bedauerlicher Weise ließ sich der Raubbauer Knödler jedoch das kühle Nass von den angrenzenden Mitbewohnern teuer bezahlen.



Überhaupt ist über diesen Zeitgenossen nachzulesen, dass es sich bei ihm um einen leicht erregbaren und aufbrausenden Choleriker gehandelt haben soll, der zu allen Missetaten bereit gewesen sein und ein ausschweifendes und lasterhaftes Leben geführt haben soll.
Obwohl er sicher nicht als Vorbild an Tugend und Toleranz gelten durfte, war er doch eng in freundschaftlicher Weise mit einem adligen Gutsbesitzer verbunden.

Hierbei handelte es sich um den Grafen Bruno von hinter Hornbach, der ein größeres Anwesen jenseits der heutigen Bornstraße sein Eigen nannte. Es ist nicht verbrieft, auf welche Weise dieser zwielichtige Herr seine Besitztümer erworben hatte. Heute noch lebende Zeitzeugen berichten jedoch, dass an seinem Hofe ständig orgiastische Veranstaltungen und gewaltige Trinkgelage stattgefunden hätten. Zu allem Überfluss gilt Graf Bruno von hinter Hornbach als einer der Förderer der öffentlichen Prostitution, die sich seinerzeit in den nördlichen Stadtbezirken auszubreiten begann.

Auf Grund der Verbundenheit der Charaktere des Grafen Bruno und des Raubbauern Knödler verwundert es nicht, dass diese beiden Zeitgenossen diverse Interessen teilten. Etwa um das Jahr 1652 - in einer wüsten durchzechten Nacht - frönten die beiden dem Glücksspiel. Bei dieser Gelegenheit gewann der Bauer Knödler vom Grafen Bruno ein Anwesen, auf dem heute die Lindemannstrasse verläuft. Auf diesem Areal befand sich bereits die heute allseits bekannte Möllerbrücke, damals noch in Holzbauweise errichtet.

In seiner Gier, dieses neu erworbene Grundstück als Einnahmequelle zu nutzen, verfiel der Raubbauer Knödler auf den unseligen Gedanken, von allen Reisenden und Fuhrleuten widerrechtlich Brückenzoll zu erheben. Diese Gebühren liess er durch seine grobschlächtigen Knechte eintreiben und zog sich so den Unmut aller rechtschaffenen Mitbürger zu. Schnell häuften sich die Beschwerden in der Bevölkerung.

Die Klagen - ob dieses rechtswidrigen Vorgehens - kamen auch dem in Benninghofen ansässigen Kreisverweser und selbsternannten Dorfpfarrer Walter R. Underberg vom Mühlenhofe zu Ohren.



Obwohl dieser Herr später seiner Ämter enthoben wurde, weil er regelmäßig Schmählieder singend durch die Dorfgemeinde zog und öffentlich zur Förderung der Trunksucht aufrief, ließ er es sich damals nicht nehmen, die Machenschaften des Raubbauern Ottfried Knödler zur Anzeige zu bringen. Im anhängigen Prozess wurde der Raubbauer Ottfried Knödler verurteilt und kurzer Hand des Dorfes verwiesen. Sein komplettes Anwesen wurde dem Erdboden gleichgemacht.

Lediglich den Segen spendenden Hofbrunnen ließ man unangetastet und führte ihn einer neuen sinnvollen Aufgabe zu. Die örtliche Feuerwehr nutzte ihn fortan als Wasserlieferanten zur Bekämpfung diverser Brandherde. Es entstand der erste Dorfhydrant, (schriftlich erstmalig erwähnt im Hydrantenregister des Kreisamtes Hörde von 1654).

Über 300 Jahre hinweg erfüllte dieser Hydrant - auf Grund des natürlich vorhandenen Wasseraufkommens - seine Dienste zuverlässig.
Etwa um das Jahr 1955 jedoch sank der Wasserspiegel rapide. Der Brunnen versandete zeitweise ganz oder führte nur noch zu Voll- und Neumondzeiten ausreichend Wasser. Da aber schon die damaligen Dorfbewohner gerne mal ein Feuerchen ansteckten und sich dabei nicht unbedingt an die Mondphasen hielten, konnte die Feuerwehr den Hydranten nicht mehr zur Bekämpfung aller Brandherde nutzen.

Der ehemalige Hofbrunnen des Raubbauern Ottfried Knödler wurde außer Dienst gestellt. Jedoch versäumte man es damals, den Brunnen zuzuschütten. Er wurde lediglich notdürftig abgedeckt und geriet langsam in Vergessenheit.

Im Rahmen des Wachstums Benninghofens, dem Zuzug neuer Bürger und der Umgestaltung des Ortes bis hin zum heutigen Bild, engagierten sich auch diverse Einrichtungen und Unternehmen. An dieser Neugestaltung war natürlich auch die Deutsche Post beteiligt. Zwar gab man nach einem gewissen Zeitraum die eigene Filiale auf, errichtete aber zumindest eine Telefonzelle und zusätzlich die direkt vor der Gaststätte "Steffenhof" platzierte Briefkastenanlage.

Briefkasten


In Unkenntnis der Benninghofer Dorfgeschichte hatte die Post jedoch fataler Weise für den Briefkasten genau den Stellplatz gewählt, der sich unmittelbar über dem alten Dorfbrunnen befindet. Bei den Montagearbeiten muss die relativ dünne Asphaltschicht, die seinerzeit den Brunnen abdeckte, beschädigt worden sein. Dass der Brunnen auch nach Jahren noch Wasser führt, stellte sich bald heraus. Regelmäßig zu Voll- und Neumondphasen sorgte der Wasserdruck des Brunnens dafür, dass die Briefkastenanlage bis fast zu halber Höhe mit Wasser gefüllt war.

Auf diesen unhaltbaren Zustand wurde die Post von historisch bewanderten Benninghofer Bürgern aufmerksam gemacht, Man weigerte sich jedoch beharrlich, einen anderen Standort für den Briefkasten zu wählen. Schnelle Abhilfe wurde jedoch zugesagt. Tatsächlich hielt man Wort und leitete umgehend geeignete Maßnahmen ein.

Der Briefkasten wurde nachträglich mit zwei separaten Einwurfschächten ausgestattet. Diese Maßnahme verhindert jedoch nicht, dass er weiterhin von unten geflutet wird. Wechselweise stehen nun einmal der linke und einmal der rechte Einwurfschacht unter Wasser. Aus diesem Grunde werden mehrmals jährlich beide Schächte inwendig bearbeitet und mit Rostschutzfarbe versehen.

Natürlich bevorzugt es jeder Bürger, wenn seine Post in trockenem Zustand vom Versender zum Empfänger gelangt. Um auszuloten, ob und welcher Einwurfschacht möglicher Weise gerade unter Wasser steht, führen die meisten aufgeklärten Benninghofer einen Wasserpegelmessstab, (vergleichbar einem Ölmessstab beim Auto) mit sich. Vor Einwurf der Post führen sie diesen Messstab sowohl in den linken, wie in den rechten Einwurfschacht ein. Nur so können sie sichergehen, den richtigen Schacht zu wählen.

Neubürger und Kurgäste müssen sich jedoch nicht unbedingt einen eigenen Messstab zulegen. Freundlicher Weise stellt der Wirt der Gaststätte "Steffenhof" seinen eigenen Messstab leihweise gerne zur Verfügung.

Des Weiteren können sowohl in der Gaststätte, als auch in den meisten Postfilialen vorfrankierte Wasserpostbehälter erworben werden. Bei Nutzung dieser Behälter sind die Postkunden auf jeden Fall auf der sicheren Seite, selbst wenn ihre Postsendung einmal versehentlich im bewässerten Einwurfschacht landen sollte.
Auf Grund der Einmaligkeit dieses Briefkastens und seiner historischen Vorgeschichte wurde seitens der Benninghofer Bürgerschaft die Aufnahme der Anlage ins Weltkulturerbe beantragt. Dieser Antrag wird zur Zeit geprüft. Alle Anzeichen deuten darauf hin, dass ihm stattgegeben werden wird.


Nachsatz:
Der Autor dieser Zeilen behält sich in Bezug auf die historischen Abläufe eine gewisse dichterische Freiheit vor. Eventuelle Namensähnlichkeiten mit damals oder heute lebenden Personen sind ungewollt und rein zufällig.

Herrmann von der Kuhweide